11. Januar 2008 10 Kommentare

Sitze im selben Zug auf demselben Platz wie gestern, und ab Wil mir schräg gegenüber auch derselbe Typ wie gestern. Wenig älter als ich, verheiratet, Anzugträger, einzige Auffälligkeit: mit Aktentasche und Rucksack unterwegs.

Wir hören beide iPod; er mit den mitgelieferten Ohrhörern, was ich als kleines Individualitätsplus verbuche. Das schlägt er allerdings locker, indem er ein anderes Hemd und eine andere Krawatte trägt als gestern, während bei mir wohl die beiden sichtbaren Kleidungsstücke wieder die gleichen sind.

Als er sitzt, nehme kurz die Stöpsel raus und sage: “Oje, jetzt wird’s aber bedenklich mit der Routine.” Er: “Ach was, irgendwie muss man ja zur Arbeit kommen.” Ich: “Ja ja, aber wir beide gleicher Zug, gleicher Platz; abends sitze ich auch oft auf dem gleichen Platz am anderen Ende, und manchmal merke ich sogar, dass es derselbe physische Zug ist wie morgens. Das ist doch schlimm.” Er: “Nee nee, das ist einfach optimiert. So muss man weniger nachdenken.”

Ach, so ist das. Vielleicht habe ich einfach die falsche Einstellung zur Routine, und es ist gar nicht so wild?

Bis vor kurzem war noch jeden Morgen derselbe Mann im Zug, ein älterer Herr mit Hut, Rucksack, Mephisto-Schuhe und – etwas überraschend – Logitech-Kopfhörer, immer im Nacken getragen. Der stellte sich in der S-Bahn extra schon drei Minuten vor der Ankunft vor die Tür, damit er als erster draussen war, und hetzte dann nach dem Einfahren in St. Gallen fast im Laufschritt los zum noch leeren Zug, damit er jeden Morgen denselben Platz hatte. Auf dem Rückweg, im IC um 16.39 Uhr ab Zürich (einer vor meinem regulären Rückfahrzug) hab ich ihn auch mal gesehen, dort sass er oben auf dem allerersten Platz, und es fiel mir nicht schwer zu vermuten, dass er den jeden Tag besetzte, vermutlich mit der gleichen Renn-Routine von Bus oder Tram wie morgens. Altersmässig kommt es hin, dass er nicht mehr kommt, weil er jetzt pensioniert ist – ich frage mich, ob er zuhaus auch so ist und wie seine Frau damit umgeht.

Und sonst überlege ich weiter, wie schlimm Routine eigentlich wirklich ist, stelle mich aber schon mal darauf ein, dass ich bis zu meiner eigenen Rente zu keiner definitiven Antwort kommen werde.

Kategorie: Reisen