, 23. September 2009 28 Kommentare

Johannes Baptist Kerner fand ich mal super. Das traut man sich heute fast nicht mehr zu sagen. Aber ich weiss noch genau, wie er das erste Mal «ran» moderiert hat, 1992 war das laut Wikipedia, wie er reinkam und sagte, er sei so nervös, er würde sich krampfhaft an seinen Notizen festhalten. Echt sympathisch war das damals, und Kerner und sein Chef Beckmann kamen neu, jung und unverkrampft rüber.

17 Jahre später ist nichts mehr davon übrig. Kerner stellt in seiner Sendung von gestern, zum Thema «Wahlprogramme und Wahlversprechen» nach, wie er sich bei Twitter sucht und ein Fake-Profil findet, und diskutiert das dann mit einigen teilweise verrenteten Journalisten vom ZDF. Die kurze «Diskussion» ist ein Armutszeugnis für den Berufsstand.

Seine inhaltliche Beschäftigung mit dem Medium dauert genau 20 Sekunden:

  • «Wir können ja mal gucken, was da so geschrieben wird» (schade, dass er nicht noch ein «ganz unvoreingenommen» reingefaked hat, das hätte die Schmierenkomödie noch etwas authentischer gemacht)
  • (tiefer Seufzer beim Scrollen)
  • «also, das ist ja alles nicht wichtig…»
  • vorgelesen: «’Die haben die Kurve ja doch noch ganz gut bekommen’ – keine Ahnung, was das heissen soll» (daneben steht ein bit.ly-Link, den er natürlich nicht mitliest, und der auf «geh nicht hin!» verweist)
  • «mein Beileid an die und jene Familie» (hier anonymisiert er, ohne dass man wüsste, wieso, denn der Tweet lautet eigentlich: «Mein tiefstes Beileid an die Familie der alten Kollegin Ilona Christen»
  • «Glückwunsch an Boris und Lilly!, hahaha, ist aber auch schon ein paar Tage her» (in der Tat, das Profil ist seit sechs Wochen inaktiv)

Nach einer an dieser Stelle überraschenden Auslassung, wie wenig das alles mit Journalismus zu tun hat (was wohl auch nicht wirklich der Anspruch des Fake-Twitterers war), konstatiert Kerner: «Das ist also alles ein völliger Unsinn!» und klappt mit grosser Pose und einer Bemerkung über «diesen Affen» den Laptop zu, natürlich zum Applaus des Publikums.

Die Reaktionen der Studiogäste:

  • Steffen Seibert (Jahrgang 1960): «Ich sehe das genauso, wüsste nicht, was ich damit soll, aber (…) im Iran war Twitter eine wirklich wichtige Quelle.» Das ist das alte Journalisten-Argument: «Blogs sind super – in China.» (Musterjournalist Kerner wirft zum Thema Quelle aufgeregt ein: («… die zu checken sind!»)
  • Zwischendurch entblödet sich Kerner nicht, auch noch zuzugeben: «Ich will nochmal sagen, wir haben das nicht vorbereitet, gut, ausser vor der Sendung, die Kollegen, die haben das vor der Sendung gesehen, dass unter meinem Namen da irgendwas getwittert wird — das braucht kein Mensch!
  • Dieter Kronzucker (Jahrgang 1936): «Twittern, hast Du ja schon gesagt, Zwitschern: Das ist eigentlich ‘Geschwätz’. Und wenn man das auf Deutsch Geschwätz nennen würde und nicht Twitter, dann würde man es nicht so ernst nehmen.» (Kerner verstärkend: «Dann würde keiner mitmachen!»)
  • Seibert: «Bei den Politikern ist es pure Ranschmeisse an ein vermutetes junges Publikum.» (macht eine diffuse Mischler-Geste, um das ‘vermutete junge Publikum’ manuell etwas in Misskredit zu bringen) «Ich glaube, dass das vermutete junge Publikum eher darüber lächelt.»
  • Wolf von Lojewski (Jahrgang 1937): «Aber wer weiss, wie lange noch. (…) Ich habe früher auch vom Internet nichts gehalten, und habe das sogar auf Podiumsdiskussionen vertreten, weil das so unseriös ist und man die Quelle nicht kontrollieren kann, also all das, was wir hier jetzt reden… Und heute? Was wären wir ohne Internet? Das ist eine tolle Sache.
  • Kerner fängt die aufkeimende sinnhafte Diskussion mit einem dummen Witz ab.
  • Was für ein Selbstbild haben diese drei Leute eigentlich in dem Moment? Ein journalistisches? Dort sitzen eigentlich ehrenvoll ergraute Herren und lassen sich von einem, der schon lange nicht mehr den Anspruch hat, journalistisch zu arbeiten (deswegen darf er natürlich auch Werbung machen), live vormachen, wie es ist, wenn man unvorbereitet 30 Sekunden lang «recherchiert», um dann sofort zu konstatieren, was für ein Unsinn das alles ist.

    Zwei Sachen zugegeben:

    1. Twitter bedingt eine gewisse Lernkurve. Wenn man nicht weiss und auch nicht wissen will, wie es funktioniert, sondern nur die Timeline eines Users liest, kann es durchaus etwas erratisch wirken. Wie übrigens andere Kulturtechniken auch: Wenn man einen Brief liest, der eine Antwort auf einen anderen Brief ist, werden einem schnell einige Aussagen komisch vorkommen. Ja, sogar ein deutscher Tourist versteht nicht jede Schlagzeile in der NZZ von heute ohne Kontext: «Düstere Aussichten für Energy» – ist das ein Red-Bull-Imitat? (Nein.) Die Aussage «Twitter habe ich unterschätzt, das muss ich zugeben» habe ich inzwischen von mehreren intelligenten, d.h. zur Reflexion fähigen Menschen gehört.

    2. Es ist sicher doof, wenn sich ein Fake-Account als man selbst ausgibt, egal wo. Ich finde den Fake-Gorilla von @blogwerk noch ganz lustig, aber wohl auch nur, weil er nichts schreibt. Wenn jemand das als Peter Hogenkamp machen würde, würde es mich ärgern. Aber das ist halt der Preis der (selbst gesuchten) Prominenz. Und nebenbei, es würde eine Mail an Twitter kosten, und der Account wäre suspended, aber das scheint in der Kerner-Redaktion entweder niemand zu wissen, oder es interessiert keinen, denn darüber kann man sich schlechter echauffieren.

    Fazit: Kerner amselig polemisch, Seibert zu wenig differenziert, Kronzucker am Thema vorbei. Nur Lojewski mit Fähigkeit zur Reflexion, die eigentlich jedem Journalisten in die Wiege gelegt sein sollte. Danke!

    Kategorie: Varia